Markus Wasmeier: Das Dorf, das kein Museum sein will
Mit 11 Jahren hat Markus Wasmeier angefangen, die Balken eines alten Hofes zu nummerieren. Mit 16 seinen ersten Dachstuhl allein gebaut. Dann kam der Skisport mit zwei olympischen Goldmedaillen. Aber Handwerk ist das, was geblieben ist – und woraus am Schliersee ein Dorf mit bald 20 Häusern geworden ist.
In dieser Folge sitze ich mit ihm in der Winterstube im Freilichtmuseum und wir sprechen über den Weg dorthin: über den Vater als Kirchenmaler, über den ersten Plan, Häuser im Tegernseer Tal zu retten, über den Widerstand aus dem Ort – und darüber, warum er sein Museum bewusst nicht wie ein Museum führt.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Weitere InformationenNicht über Olympia, sondern über das, was geblieben ist
Markus Wasmeier kennen die meisten als Doppelolympiasieger von 1994. Darüber ist alles gesagt. Mich hat etwas anderes interessiert: die Geschichte des Handwerkers, die hinter dem Sportler lag – und die am Ende das wurde, wofür sein Name heute steht.
Sein Vater war Kirchenmaler und Restaurator. Mit 14 ist Wasmeier in die Lehre gegangen, zuerst als Maler und Lackierer, weil ihm das Schreinern nicht freigegeben wurde fürs Skifahren. Mit 11 hat er das alte Stadl der Eltern mitgeplant, Balken nummeriert, das Haus war von 1700. Mit 16 hat er seinen ersten Dachstuhl allein gebaut. Das ist der rote Faden, nicht Olympia.
Aufgezeichnet haben wir die Folge in der Winterstube des Museums, ein Raum, der aus der Söllbachklause bei Bad Wiessee stammt. Dort haben früher Holzknechte gearbeitet und gewohnt. Unkompliziert, nicht verkünstelt – und genau das ist der Ton, in dem Wasmeier über sein Projekt spricht. Wer das Museum besuchen will, findet mehr auf meiner Seite zum Freilichtmuseum.
Drei Momente, die hängen bleiben
Der erste Versuch war im Tegernseer Tal – und scheiterte an der Finanzierung
Ursprünglich wollte Wasmeier alte Höfe im Tegernseer Tal vor dem Verfall retten. Das Geld kam nicht zusammen. Dann fiel ihm sein eigenes Grundstück am Schliersee auf. Gemeinde und Landkreis waren sofort dabei, die Gemeinde hat sogar mit einem Bauern getauscht, damit der Zugangsweg passt.
„Ich sehe mich nicht als Museum, sondern als Vermittler"
Staatliche Freilichtmuseen sind ihm zu museal. Bei ihm gibt es keine Absperrbänder, man darf in die Räume sitzen, die Rauchküche riechen, das Bier vor Ort trinken, das nach alter Art gebraut ist. Die rund 100 Mitarbeiter sind nicht Aufsicht, sondern Teil des Vermittelns.
Widerstand aus dem Ort
„Wenn der Wasmeier das Museum baut, findet die Leonhardifahrt nicht mehr statt" – damit hat der Gegenwind angefangen. Fast zwei Jahre Verzögerung. Rückblickend sagt er trocken: „Den Neid muss man sich schwer erarbeiten." Was auffällt: Er spricht darüber ohne Bitterkeit, aber auch ohne es kleinzureden.
Warum das Museum kein Museum sein soll
Wasmeier hat eine klare Haltung dazu, was ein Freilichtmuseum leisten soll – und was nicht. „Ich mag einen Raum, in den man sich reinsetzen kann und den man genießt. Einfach mit allen Sinnen." Der Rauch in der Rauchküche, die Wärme, wenn eingeheizt wird, das Bier, das nach einem 300 Jahre alten Verfahren gebraut wird: All das will er spürbar machen, nicht beschreiben.
Das funktioniert nur, weil er nicht staatlich arbeitet. Der gemeinnützige Verein dahinter ist unabhängig. „Ich brauche keine Institutionen zu fragen, ob ich das machen darf. Ich bin da zu freiheitsliebend in meinen Gedanken." Der Preis dafür: Jede Finanzierungsrunde geht über seinen Namen. Ohne die sportliche Karriere und den Zugang zu Partnern und Patenschaften wäre der Aufbau nicht möglich gewesen.
Sichtbar wird das am ganzen Ort: knapp 20 transferierte Häuser, rund 100.000 Besucher in sieben Monaten Saison, eigene Brauerei, eigene Bäckerei, eigene Schnapsbrennerei, ein Biergarten, der wirklich hält, was er verspricht. Im Gespräch wird deutlich, dass Wasmeier das Museum nie als abgeschlossenes Projekt sieht. Alle fünf bis sechs Jahre müssen die Schindeldächer neu gedeckt werden – ein Haus zu bauen dauert drei bis sieben Jahre. Das ist der Rhythmus, nicht ein Eröffnungsdatum.
Dazu kommt der politische Unterton, den ich in dem Gespräch nicht erwartet hätte: die klare Aussage, was verloren geht, wenn die alten Höfe verschwinden. „Dann sind wir gleich wie in Mitteldeutschland oder Norddeutschland." Das ist nicht romantisch gemeint, das ist eine Haltung gegen den Verlust des oberbayerischen Landschaftsbildes. Wer die Region im Film sucht, findet auf der Drehort-Seite den gleichen Blick unter anderem Vorzeichen.
Was mich an diesem Gespräch überrascht hat
Ich bin nicht in dieses Interview gegangen, um über Olympia 1994 zu reden. Darüber ist genug geschrieben. Was mich interessiert hat, ist die Frage, wie aus einem Skifahrer ein Museumsgründer wird – und mir war schon klar, dass es dafür eine längere Geschichte geben muss als die, die man in Portraits liest.
Überrascht hat mich zweierlei. Erstens, wie klar Wasmeier seine Haltung zum „Museum" formuliert. Er will nicht das hundertste staatliche Freilichtmuseum sein, er will das Gegenteil davon. Keine Absperrung, keine Tafeln, die zum Nicht-Anfassen auffordern. Das hat aus meiner Sicht auch den Unterschied zu anderen Freilichtmuseen in der Region ausgemacht.
Zweitens, wie offen er über die zähen Phasen spricht. Zweimal ohne Geld dagestanden, zwei Jahre Verzögerung durch den Widerstand im Ort, die laufenden Erhaltungskosten – das sind Sätze, die nicht glätten. Gerade deshalb lohnt sich die Folge für alle, die das Museum schon kennen: Sie zeigt, was hinter dem Dorf steckt, das man als Besucher in ein paar Stunden durchgeht.
